Ein Zeitzeuge

… noch 5 Tage

Neulich berichteten wir schon kurz von der Eröffnung der ersten Kindertagesstätte der späteren GPS im Jahr 1966. Zu den ersten Kindern, die die neue Einrichtung besuchen durften, gehörte Bernhard von Heymann.

Heute, gut 52 Jahre später, lebt und arbeitet er immer noch bei der GPS. Wir fragten ihn, ob er uns etwas aus der Anfangszeit berichten könnte, und zu unserer Freude war er gerne bereit dazu.

Wir besuchten ihn daher in seiner Wohnstätte, in der er ein hübsches geräumiges Zimmer bewohnt. Er holte uns am Eingang ab und führte uns – langsam, aufgrund seiner Gehbehinderung – in den Aufenthaltsbereich. Dort standen schon warme und kalte Getränke bereit und wir nahmen Platz, um ein sehr angenehmes Gespräch zu führen.

Im Jahr 1965 – Bernhard war damals 10 Jahre alt – erhielten er und seine Tante, bei der er damals lebte, Besuch von einer Dame. Diese brachte einige Spielsachen mit, um möglichst entspannt Kontakt zu dem geistig behinderten Jungen aufzunehmen. Ziel war herauszufinden, ob Bernhard für die neu geplante Kindertagesstätte im Norden der Stadt Wilhelmshaven geeignet wäre. Aber darüber bestand kein Zweifel – der aufgeweckte Junge wusste genau was er wollte und stimmte ohne zu zögern zu. Schließlich würde ihm das neue Spielkameraden bescheren – eine Sache, die in der damaligen Zeit nicht selbstverständlich war.

„Wenn ich im Sandkasten saß und andere Kinder mit mir spielen wollten, wurden sie oft von ihren Eltern fortgerufen: ‚Geh da weg, der Junge ist krank!‘, so berichtet Bernhard. „Dabei war ich gar nicht krank, ich war nur behindert!“ betont er.

Heutzutage kaum noch vorstellbar, erlebten behinderte Kinder damals eine völlig andere Welt: im Normalfall verbrachten sie ihre Zeit fast durchgehend in ihrem Zuhause, was meist das Elternhaus war. Eine gezielte Förderung fand kaum statt, und sogar der Schulbesuch war nicht selbstverständlich: erst im Jahr 1978 wurde die Schulpflicht flächendeckend auch auf Kinder mit Behinderung ausgeweitet.

Bernhard hatte Glück: in der neuen Tagesstätte wurde er liebevoll gefördert und gefordert. Es wurde viel gebastelt und gemalt und die Kinder lernten Dinge, die sie zu einem möglichst selbständigen Leben befähigen sollten. Morgens wurden sie von einem „Bulli“ des Fahrdienstes zu Hause abgeholt und mittags zurückgebracht, denn anfangs erfolgte die Betreuung nur vormittags. Nachmittags wurden die Räume hingegen als Hort für schulpflichtige Kinder gebraucht.

Das änderte sich erst, als die Kindertagesstätte Anfang 1967 – damals noch unter der Leitung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, denn die GPS selbst war noch gar nicht gegründet worden – in die Räumlichkeiten des ehemaligen Werftkrankenhauses in der Rheinstraße zog. Damit konnten dann weitere Kinder aufgenommen werden, die schon länger auf der Warteliste gestanden hatten, und auch Vorschulkinder bekamen endlich die nötige Förderung. Die neue Einrichtung bot ganztägige Betreuung an und nannte sich nun Tagesbildungsstätte (TBS), um den schulischen Charakter zu unterstreichen.

Die Zeit in der TBS machte Bernhard viel Spaß, aber ganz besonderes Highlight waren immer die Freizeitfahrten in die nähere und weitere Umgebung. Bernhard erinnert sich begeistert an die Besuche in Oerrel in der Lüneburger Heide, wo die Kinder viel Zeit in der Natur verbrachten und all das kennenlernten, was in der Stadt nicht möglich war.

Als einer der älteren in der Tagesstätte gehörte Bernhard zu jenen Kindern, die im Alter von etwa 14 Jahren konfirmiert werden sollten – immer noch ein Novum, denn erst ein Jahr zuvor war zum ersten mal überhaupt eine Gruppe behinderter Kinder konfirmiert worden. Ein Pfarrer besuchte die Gruppe regelmäßig in der Tagesstätte, und Bernhard weiß noch genau, dass er den Unterricht sehr interessant fand. Am aufregendsten war aber auch für ihn die eigentliche Konfirmationsfeier. Er erinnert sich noch gut an sein Geschenk: „Ich habe Zweige bekommen, an denen Geldscheine befestigt waren, 5-Mark- und 10-Mark-Scheine.“ Er weiß nicht mehr genau, wie viel Geld es insgesamt war, aber er weiß, dass er vorher noch nie so viel besessen hatte.

Ein Zweck der Tagesstätte war es, die Kinder auf ihr zukünftiges Arbeitsleben vorzubereiten. Denn auch wenn eine Beschäftigung auf dem ersten Arbeitsmarkt meist nicht möglich war, sollten sie dennoch einer sinnvollen Aufgabe nachgehen. Die GPS hatte schon früh eine sogenannte „Beschützende Werkstatt“ gegründet, in der Erwachsene mit geistiger Behinderung verschiedene Arbeiten erledigten. Und dort im Banter Weg begann mit 17 Jahren auch Bernhard seine Beschäftigung.

Er erzählt: „Wir haben Teile für Schreibmaschinen hergestellt und Spiele verpackt. Einer die Spielbretter und der nächste die Figuren, und so weiter, also wie am Fließband.“

Neben der Arbeit entdeckte Bernhard schnell seine Liebe zum Sport. Schon bald war er in der Lage, sich mit Hilfe eines behindertengerechten Fahrrades fortzubewegen, und hatte so viel Spaß daran, dass er den täglichen Weg zur Werkstatt eigenständig mit dem Rad bewältigte. Und als er nach Cäciliengroden zog und damit in das Einzugsgebiet der Werkstatt Jever fiel, fuhr er kurzerhand sogar diese Strecke mit dem Rad. Das heißt, 3 mal die Woche legte er morgens und nachmittags jeweils 15 km zurück – großen Respekt!

Das Ergebnis war eine Kondition, die ihm schon bald die Teilnahme an Behindertenwettkämpfen ermöglichte. Und nicht nur Teilnahme – sehr oft ging Bernhard als einer der besten, geschmückt mit diversen Medaillen und Pokalen, nach Hause. Sowohl beim Radfahren, als auch im Keulenwerfen und Kugelstoßen schaffte er es oft aufs Siegertreppchen, und nicht selten sogar auf den ersten Platz.

Er geht in sein Zimmer und holt ein großes Album und zeigt uns diverse Zeitungsausschnitte, in denen von ihm und seinen Erfolgen berichtet wurde. Diese fanden nicht nur in Deutschland statt – Bernhard mischte auf internationaler Ebene mit, nahm an Wettkämpfen in Belgien und Großbritannien teil. Die Zeugnisse seiner Leistungen hat er alle aufbewahrt: im Zimmer stehen Pokale auf einem Regal aufgereiht und weiter unten Medaillen in einer Reihe. Und dann gibt es da noch eine Tasche, so groß wie ein kleiner Toaster, die er uns stolz zeigt: auch sie bis oben hin gefüllt mit Medaillen, für die woanders kein Platz mehr war. Ein erfolgreiches Sportlerleben.

Eine andere Leidenschaft ist das Reisen. Bernhard hat schon viel von der Welt gesehen: er war schon in Dubai und sogar mehrmals in Australien. In das Land hat er sich verliebt, was die vielen Andenken in seinem Zimmer verraten. Ermöglicht wurde dies durch seine Tante, die in den 70er Jahren dorthin ausgewandert ist und die er immer wieder besuchte.

Vor einigen Jahren zog Bernhard von Cäciliengroden zurück nach Wilhelmshaven. Er wohnt in einer Wohnstätte und arbeitet in der Werkstatt Planckstraße in einer Montagegruppe. Vom Gesetz her hat er seine Pflicht-Arbeitszeit längst erfüllt, die für behinderte Menschen etwas anders geregelt ist als für sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer. Aber Bernhard hat die feste Absicht, bis zum 65. Lebensjahr weiter zu arbeiten, denn seine Kollegen wie auch die Gruppenleiter sind ihm mittlerweile ans Herz gewachsen.