Auch die Politik ist gefragt!

… noch 18 Tage

Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran,
wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder verfährt.
Gustav Heinemann

 

In den sozialen Berufen ist der Fachkräftemangel überall zu spüren.

Dabei spielen nicht nur ‚geburtenschwache Jahrgänge‘ eine Rolle.

Neben mangelnder gesellschaftlicher Anerkennung sind es Faktoren wie

  • eingeschränkte Aufstiegsmöglichkeiten
  • befristete Arbeitsverträge
  • ungesicherte Arbeitsverhältnisse (z.B. durch befristete Projekte)
  • Personalschlüssel
  • geringe Bezahlung
  • Arbeitsverdichtung
  • Arbeitserschwernis durch neue gesetzliche Bestimmungen
  • steigende Anforderungen und Aufgabenstellungen bei Verschlechterung der Rahmenbedingungen
  • ökonomischer Druck
  • psychische Belastung

die junge Menschen veranlassen, sich zunehmend für andere Berufsfelder zu interessieren. Aber auch langjährige Mitarbeiter verlassen immer häufiger ihre Einrichtungen – nicht weil sie nicht gern in diesen Einrichtungen arbeiten würden, sondern weil die Arbeitsbedingungen ihren Tribut an die Gesundheit fordern.

Hinzu kommt die Konzentration vieler Ausbildungseinrichtungen auf frühkindliche Bildung und Kinderschutz sowie die Entwicklung, dass die praktische Ausbildungsbegleitung immer weniger von den Lehrern geleistet werden kann. Das sollen die Kollegen in den Einrichtungen dann zusätzlich erledigen.

Das alles sind sehr abstrakte Begriffe, die wir an einem Beispiel mit Leben füllen wollen. Dafür nehmen wir nur einen der oben genannten Faktoren und nur eine Person.

Ein ganz persönlicher Einblick für Euch:

Vor wenigen Jahren verdiente eine alleinstehende Fachkraft als ‚Zweitkraft‘ mit knapp unter 30 Wochenstunden in einer damals nicht tarifgebundenen sozialen Einrichtung 1.098 € netto im Monat. Für ihre persönliche Lebenssituation ließ sich folgende Rechnung aufstellen:

 

Einnahmen: 1.098,00 €
Ausgaben:
Miete  – 340,00 €
Strom und Gas  – 120,00 €
Telefon und Internet   – 29,90 €
Handy  – 29,95 €
Hausratversicherung   – 12,70 €
KFZ-Steuer   – 7,75 €
KFZ-Versicherung (145%)  – 75,00 €
  482,70 €

Dieser Betrag musste für Lebensmittel, Benzin, Kleidung, Geschenke und unvorhergesehene Ausgaben wie Reparaturen oder sonstige Ausgaben des täglichen Bedarfs, wie z.B. für die Gesundheitsvorsorge, ausreichen. An Ansparungen, Ausgaben für Unternehmungen oder Urlaub war damals kaum zu denken. Ein erster Stufenaufstieg, der nur minimal etwas ändert, lag mit zwei Jahren noch in weiter Ferne.

Um sich ein wenig mehr leisten zu können, muss in so einer Situation also ein Nebenjob her.

Einer, der angesichts der täglichen Arbeitsbelastung am besten weniger Anstrengung kosten soll als der Hauptjob und natürlich nicht mit den Arbeitszeiten kollidieren darf.

An dieser Situation hat sich bis heute in den nicht-tarifgebundenen Einrichtungen nicht viel geändert. Gehälter mögen gelegentlich um ein paar Prozentpunkte gestiegen sein, das sind die Lebenshaltungskosten allerdings auch.

Bildungsförderung und Inklusion sind lohnende Ziele. Solche Ziele können ganze Gesellschaften verändern und positiv prägen. Aber sie lassen sich nicht einfach per Gesetz verordnen. Hier sind alle gefragt, die Rahmenbedingungen und Mittel zu schaffen, um einen angemessenen Weg dorthin zu ermöglichen. Das können weder die Arbeitnehmer noch die Arbeitgeber alleine schaffen. Hier müssen sich auch die gewählten Vertreter des Volkes maßgeblich an der Umsetzung beteiligen!

Wir möchten das oben genannte Zitat um einen wichtigen Punkt erweitern:

Man erkennt den Wert einer Gesellschaft daran,
wie sie mit den schwächsten ihrer Glieder und deren helfendem Umfeld verfährt.